Aus dem Gemeindebrief:
Die Andacht oder das geistliche Wort für diese Ausgabe wird wenig kunstvoll. Sonst sind wir beim Schreiben ja immer auf der Suche nach anschaulichen Beispielen aus dem Leben oder schönen Bildern, um etwas verständlicher zu machen, was manchmal nicht so leicht verständlich ist an Worten aus der Bibel. Denn sie sollen ja eine Relevanz bekommen für uns hier und heute und in unserem Leben.
Manchmal braucht es dazu ein wenig Kunst beim Schreiben. Diesmal nicht. Denn der Monatsspruch für den März ist ziemlich eindeutig und leicht verständlich und – so finde ich – hat einen guten Platz im Monat nach er Bundestagswahl. Er kommt aus dem 3. Buch Mose und lautet ganz einfach:
Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. (3. Mose 19,33)
Da gibt es nicht viel falsch zu verstehen und eigentlich ist auch selbstverständlich, was Gott hier befiehlt. Ja, befiehlt. Das ist ein Gebot und nicht etwa ein Vorschlag oder Ideal, das nur ganz besondere Menschen erreichen können. Es ist ein sehr klares Gebot an uns Menschen. Punkt.
Eigentlich selbstverständlich, so geht es vielen, die das hier lesen, denke ich. Aber in der Realität eben doch nicht. Und nicht erst heute. Sonst hätte es dieses alte Gebot wahrscheinlich nicht gebraucht.
Und sonst würden wir es nicht brauchen. Es scheint, als wäre es für viele Menschen nicht selbstverständlich, dass man Fremden Menschen wenigstens so viel Menschlichkeit zurechnet, dass man sie im eigenen Land nicht unterdrückt. Dass man sie nicht wie Menschen zweiter Klasse behandelt und ihnen Rechte verwehrt, die wir alle für uns brauchen, um ein freies, aber auch einfach ein glückliches Leben zu führen. Zu arbeiten, was man kann und einem Freude macht, zum Beispiel. Sich frei zu bewegen. Solche Dinge werden auch in modernen Demokratien schnell in Frage gestellt, wenn man Menschen gegenübersteht, die tatsächlich anders sind als man selbst in vielerlei Hinsicht – eben fremd. Vielen scheint das Dasselbe zu sein wie: gefährlich.
Es gehört nicht zu unserem menschlichen Selbstverständnis, dass man Fremde erstmal behandelt, wie man selbst behandelt werden will und es auch für sich einfordert. Mit der Einschränkung von Rechten von Fremden kann man mittlerweile wieder in Deutschland und Europa und Nordamerika viele Wählerstimmen gewinnen, wenn man sie ins Parteiprogramm schreibt. Und leicht lassen sich Menschen zu Fremden erklären, auch wenn sie als Nachbarn aufgewachsen sind und Staatsbürger eines Landes. Solange ein bisschen fremd sie noch aussehen oder ihre Vornamen anders klingen, sollen andere Regeln für sie gelten als für uns. Die seien nicht unser Problem, am besten gefiele es uns, sie würden auch wieder dorthin gehen, wo die meisten Menschen so aussehen wie sie und ähnlich klingende Vornamen haben. Dann wäre alles wieder in seiner natürlichen Ordnung. Oder sogar in der göttlichen Ordnung der Welt – oder? Es gibt Theolog:innen und Christ:innen, die habe sowas gesagt und sagen es noch.
Tja, Gott sagt was anderes. Ein einfaches Gebot. Für ihn ist es selbstverständlich. Es geht dazu, wie er sich selbst versteht. Er versteht sich als einer, der einsteht für die Menschen, denen sonst kaum einer ihr Recht geben willl einfach so, für die sonst keiner einsteht. Im Alten Testament begegnen uns da immer wieder als Schützlinge Gottes die Waisen, die Witwen und die Fremden. Denn ihnen fehlt der natürliche Schutzschild der Familie oder der vertrauten Bürgergemeinschaft. Gott fehlt ihnen nicht. Er steht selbstverständlich an ihrer Seite. Und ein einfaches Gebot hat er für uns.
Pfr. Marcel Borchers
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