MONATSSPRUCH Juli 2021:

Gott ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir.
Apg 17,27 (L)

 

Andacht für Juni / Juli

Zum Monatsspruch im Juli:

Gott ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir.“ (Apostelgeschichte 17, 27)

Liebe Gemeinde,

ich kann nicht weben und ich glaube, mir fehlte auch die Geduld dazu. Eigentlich ist so ein Webstuhl eine faszinierende Erfindung, dazu überaus alt und ein Zeugnis für menschliche Kreativität und Pragmatismus gleichermaßen. Und dennoch denke ich, mir fehlte die Geduld. Faden für Faden, immer nacheinander den Stoff entstehen  zu sehen und dabei immer auch: wie weit ist der Weg noch! Wie viele Fäden müssen da noch nebeneinander angeordnet werden, bis es endlich fertig ist! Ist da genügend Spannung drauf? Nochmal mit dem Kamm nachziehen, kontrollieren, nächster Faden. Und da sind nicht mal Muster dabei.

Das Schiffchen ist immer in Bewegung und doch geht es nur in sehr kleinen Schritten voran. Dazu braucht es einige Geduld. Vielleicht zum Leben an sich auch.

Für den Monatsspruch im Juli hat Martin Luther folgende Übersetzung gewählt: „Gott ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir.“ (Apostelgeschichte 17, 27). Das ganze Leben, das ganze Sein wird verglichen mit dem Weben. Das mag in den Ohren Luthers einfach schön und eingängig geklungen haben, vielleicht hat er sich auch etwas dabei gedacht, wollte der Auffassung vom Leben eine besondere Richtung geben.

Denn im griechischen Original steht da nicht „weben“, sondern „bewegen“. Das hat nun sicher beides miteinander zu tun, ist aber nicht das Gleiche. Ist das Leben Bewegung, dann denken wir an dynamische Menschen, die von einer Unternehmung zur nächsten eilen, immer schon das nächste Projekt im Kopf und nie lange mit Wohnsitz am gleichen Ort. Es geht immer weiter.

Ist das Leben ein Weben, dann denken wir an konzentrierte Arbeit, kleine Schritte, Detailgenauigkeit, aber vielleicht auch an Ruhe und Beständigkeit und an das handfeste Ergebnis, das am Ende dabei rauskommt.

Das Leben kennt verschiedene Geschwindigkeiten und verschiedene Arten, sich zu bewegen. Das ist von Person zu Person verschieden und von Lebensphase zu Lebensphase.

Nicht immer ist das große, schnelle Bewegung. Im Moment fühlt sich das Leben für die Wenigsten so an, denke ich. Vielleicht ist für uns alle ja Webzeit im Moment und nicht die Zeit der großen Schritte ins Abenteuer.

Kann ich das? Ist die erste Frage dabei. Habe ich dafür die nötige Geduld und halte es aus, wenn es so langsam vorangeht?

Vielleicht aber auch gar nicht die entscheidende Frage. Denn, wie die Antwort ausfällt ist eigentlich egal, die langsame Webzeit geht nicht vorbei, nur weil sie nicht meine Lieblingszeit ist.

Also an den Webstuhl – und sich nicht konzentrieren auf den langen Weg bis zum Endprodukt.

Sondern konzentrieren auf das Produkt. Beim Weben kommt am Ende ja was raus. Etwas, das ich selbst gestaltet habe, etwas, aus dem ich dann auch noch weiter etwas machen kann. Etwas, mit dem ich meine Zeit nicht nur rum gebracht, sondern genutzt habe. Daran kann ich besser verstehen, dass langsames Weben auch Bewegung ist im Leben.

Soviel zur Frage, wie die Geduld aufbringen für diese Webzeit. Vielleicht hilft so eine Zeit ja erst, Geduld zu lernen und etwas Gutes aus der Zeit zu machen. Aber ist das die entscheidende Frage? Die Frage, die eigentlich dahinter steht, ist ja diese: Wo ist Gott in dieser Zeit? Er ist nicht ferne von einem jeden von uns – so sagt es der Apostel Paulus, der unseren Monatsspruch in der Apostelgeschichte sagt. Denn in ihm leben wir, bewegen uns, weben an dem, was wir zum Leben brauchen, sind traurig, frustriert, ungeduldig, glücklich, voller Tatendrang.

Die entscheidende Frage in dieser Zeit ist vielleicht gar nicht die nach der Zeit, was für eine das ist. Sondern ist die nach uns selbst. Eine Antwort – die entscheidende, so hoffe ich – ist diese: Wir sind Menschen, denen Gott nicht fern ist. Sogar beim Weben. Ein bisschen leichter fällt es mir schon.

Herzlich grüßt Sie alle

Pfr. Marcel Borchers

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