MONATSSPRUCH NOVEMBER 2020:
Gott spricht: Sie werden weinend kommen, aber ich will sie trösten und leiten.
Jer 31,9 (L)

Andacht für Oktober/November

Gemeinsame Sache machen

„Suchet der Stadt Bestes und
betet für sie zum HERRN; denn
wenn‘s ihr wohlgeht, so geht‘s
euch auch wohl“
Jeremia 29, 7

Liebe Gemeinde,
wer gemeinsame Sache macht, hat keinen besonders guten Ruf. Denn die Sache, um die es geht, ist meist eine zwielichtige bis böse. Das ist schade, denn gemeinsame Sachen sind an sich nichts Schlechtes. Im Gegenteil: sollte eine Sache nicht sogar dadurch besser werden, dass sie gemeinsam getan wird? Ist es nicht auch das, was wir als Gemeinde gern tun würden: Menschen zusammenbringen und sie gemeinsam gute Dinge auf die Beine stellen lassen?

Deshalb hat sich eine bekannte Berliner Tageszeitung die „Gemeinsame Sache“ zum Titel einer Reihe von Berichten gemacht, die von Engagement überall in der Stadt erzählen. Dort ist zu lesen von Menschen, die Parks vom Müll befreien, die Begegnungszentren renovieren, in Stadtforsten Zäune ausbessern, Sprachcafés betreiben, Mädchen geschützte Räume und Selbstvertrauen beim Fußballspielen ermöglichen, Wohnungslosen Essen und Schlafsäcke bringen und vielem mehr. Gemeinsame Sache für eine schönere, eine freundlichere Stadt.
Das ist der Monatsspruch für den Oktober. Die gemeinsame Sache, die der Prophet Jeremia hier einfordert, ist dabei ein Skandal. Vielleicht ist gar nichts anderes gemeint als all die wunderbaren Geschichten, die über unser Berlin zu lesen sind. Bei der Stadt, deren Bestes gesucht werden sollte, handelte es sich aber um Babylon.

Hauptstadt des Großreichs, das nicht nur Israel im Krieg erobert, sondern auch die wichtigsten Teile der Bevölkerung einfach deportiert hatte, um das eroberte Land nach den eigenen Vorstellungen zu formen. „Was geht uns das Wohl dieser Stadt an?“, hätten die Verschleppten (zu Recht) auf diese Aufforderung ihres Propheten fragen und spotten können. Es gibt Lagen, in denen dieses „Was geht’s mich an?“ durchaus verständlich ist: Warum sollen die Unterdrückten ihren Unterdrückern noch was Gutes tun? Eine nüchterne Erklärung liefert Jeremia gleich mit: Wenn’s der Stadt gut geht, geht es euch auch gut. Einleuchtend.

Ein gewaltiges Zeugnis für die Kraft der gemeinsamen Sachen. Sogar die Feindschaft des Krieges kann in Wohlstand für alle verwandelt werden. Könnt ihr, können wir verwandeln, wenn ihr der Stadt Bestes sucht, nicht nur euer Bestes. Das werdet ihr aber finden – nur werdet ihr dabei eben nicht allein sein.

Dort mag das Problem mit den gemeinsamen Sachen eigentlich liegen. Es geht eben doch darum, mit wem man sich gemein macht. Es geht darum, mit wem man sich gemeinsam machen will. Aber es geht auch darum, mit wem man sich gemeinsam machen kann, mit wem man es aushält, an einem Strang zu ziehen. Denn so eine Stadt ist voll von Menschen, die nichts miteinander zu tun haben wollen; oft zu Recht aus so mancher Perspektive. Gott kann diese Perspektive nicht einnehmen und deshalb konnte Jeremia zu nichts anderem raten, als sich doch gemein zu machen mit den Feinden und Unterdrückern und lieber Glück zu teilen als den Hass aufeinander. Gott kann die Perspektive nicht einnehmen, aus der es recht ist, sich vollständig dem zu verweigern, was für alle gut wäre. Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. (2. Korintherbief 5,19)

So sagt es uns der Monatsspruch für den September, dort kommen wir her. Gott steht der ganzen Welt so gegenüber wie es der Prophet Jeremia von seinen verschleppten Landsleuten fordert: er lässt die böse Vergangenheit nicht die gute Zukunft zerstören – selbst, wenn die Welt das wollte. Er versöhnt sie mit sich selber. Das kann nicht jeder. Das bringt nicht jeder über’s Herz. Wie suchen nun Christen am besten der Stadt Bestes? Nun, sie können natürlich bei all den wunderbaren Dingen mitmachen, von denen wir bei den „Gemeinsamen Sachen“ lesen. Aber sie können noch was tun – der Prophet schreibt auch davon: betet für sie zum HERRN. Denn neben der Erfahrung, dass gemeinsame Sachen auch böses Blut überwinden, ist uns der Glaube daran gegeben, dass Gott selbst dort gemeinsame Sachen entstehen lässt, wo wir uns nicht überwinden. Er hat schließlich schon mal die ganze Welt mit sich versöhnt.

Es grüßt
Pfarrer Marcel Borchers

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