Monatslosung für NOVEMBER 2022:

Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die aus sauer süß und aus süß sauer machen!
Jes 5,20 (L)

Andacht für Oktober / November

In den letzten zwei Jahren habe ich eine Menge gelogen und Tatsachen verdreht. Ich stand dabei im Dienst finsterer Mächte, die Finsteres planen gegen die meisten Menschen und ihre Freiheit.

So werden es jedenfalls einige wahrgenommen haben oder hätten es wahrgenommen, wenn sie mich gehört oder auch etwas von mir gelesen hätten, z.B. hier im Gemeindebrief.

Und während ich das hier schreibe, denke ich: „War das so klug, die ersten Sätze so zu schreiben ohne Konjunktiv, ohne ‚angeblich‘ oder eine andere Relativierung? Können diese Sätze jetzt nicht als Zitat benutzt werden und mir Dinge unterstellen, die ich so nicht gemeint und gesagt habe?“

In den letzten zwei oder zweieinhalb Jahren hat das Vertrauen in unsere Worte und den Umgang mit öffentlichen Worten stark gelitten. Wahrscheinlich schon viel länger.

Wahrscheinlich ist es so, dass Jede und Jeder von uns in dieser Zeit etwas gesagt hat oder zu einem wichtigen Thema unserer Zeit eine Meinung hatte, die andere Menschen schlicht eine Lüge nennen würden. Und dazu würden sie sagen: es war auch eine bösartige Lüge.

Wir alle haben wahrscheinlich so etwas gesagt. Der Unterschied ist nur, wer das dann als Lüge bezeichnet  und was die

wiederum als Wahrheit bezeichnen.

Wenn ich dem, was die Menschen sagen, nicht mehr vertrauen kann, dann fällt es mir schwerer, zu Menschen überhaupt Vertrauen zu fassen.

Es ist wichtig für uns, dass grundsätzlich deutlich ist: Was ist gut und was ist böse? Und es ist wichtig, dass wir merken: darüber sind wir uns noch einig. Ist das nicht der Fall, wird es gefährlich. Einen Krieg haben wir vor Augen, der auf Lügen und einem angeblichen Kampf des Guten gegen das Böse basiert. Und mit einiger Wahrscheinlichkeit kennen wir Menschen, die alles, was wir dabei für Lügen halten, nicht für Lügen halten sondern für berechtigte Interessen. Wie kommt man da zusammen?

Um diese zerstörerische Kraft solcher Unsicherheit weiß der Monatsspruch für den November:

„Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die aus sauer süß und aus süß sauer machen!“ (Jesaja 5,20)

Gar nicht so selten wie wir erwarten in der Bibel sind solche Wehe-Rufe. Gott drückt seinen Zorn aus über alles, was seine Menschen und ihre Beziehung zu ihm im tiefsten Grund gefährdet. Die Propheten rufen dann „Weh!“, Jesus macht das auch. Das soll heißen: es wird Konsequenzen haben, was sie tun. Es wird ihnen wehtun.

Eine Bedrohung für das Zusammenleben der Menschen, das Gott für sie vorgesehen hat, ist eben das Umdrehen von Gut und Böse, von Richtig und Falsch. Dann hat das Miteinander keine Basis mehr.

Es ist schwer aus so einem Wehe-Ruf Trost zu schöpfen zwischen all den Schreckensmeldungen und Drohungen, die sonst umlaufen. Ein Trost kann dieser sein: Gottes Ankündigung von Konsequenzen heißt, dass nicht böse Mächte im Hintergrund die Welt steuern, sondern die eine gute Macht, die die Welt geschaffen hat.

Diese gute Macht kann Sündern vergeben und sie auf gute Wege führen. Gott schafft es, Menschen zu vertrauen, auch wenn er ihre Worte und ihre Taten ablehnt. Gott schafft es, auf den Menschen hinter der bösen Tat zu schauen. Diese Macht beherrscht die Welt im Hintergrund.

Wir mögen nicht die ganze Welt durchschauen und alles, was in ihr vorgeht. Wir wissen nicht immer was wahr und was Lüge ist und wessen Behauptungen darüber wir vertrauen können.

Aber wir können mit ein grundsätzliches Vertrauen in die Menschen finden und dass die Bösen zum Guten finden, weil Gott das Böse immer auch böse nennt. Das kann uns zusammenhalten.

Diese Ausgabe reicht bis an den ersten Advent. Wenn Gottes Licht kommt, dann heißt nicht die Finsternis Licht, sondern das Licht vertreibt die Finsternis. Darauf vertraue ich.

Pfr. Marcel Borchers

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