MONATSSPRUCH SEPTEMBER 2020:
Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat.
(2.Kor 5,19 (E))

Andacht für August/September

Ich, ich ich

Liebe Gemeinde,
ein verärgertes „Ich, ich, ich!“ lässt sich ziemlich leicht beim Einkaufen hören oder beim Autofahren oder auf dem Gehweg oder sonst irgendwo, wo Menschen miteinander auskommen müssen, das heißt: Rücksicht aufeinander nehmen. Man kann es sicher auch überall dort hören, wo sich jemand über die modernen Zeiten beklagt. Denn in denen denke doch jeder nur noch an sich selbst, das „Ich“ stehe im Mittelpunkt und das „Wir“ komme dabei viel zu kurz. Mag was dran sein.

Und jetzt gibt es auch noch Auftrieb für die Selbstsucht aus der Bibel. Der Monatsspruch für den August heißt: Ich danke Dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind Deine Werke; das erkennt meine Seele. (Psalm 139, 14)

Ein großes Lob für mich selbst – wie wunderbar bin ich eigentlich! Das schmeichelt der Seele wie dem Ego. Wer würde da nicht gern noch viel mehr an sich selbst denken. Wunderbar! Im Rückblick auf die letzte Zeit ist das aber mehr als Schmeichelei und Eitelkeit. Die Zeit mit dem Corona-Virus hat viele Menschen auf sich selbst zurückgeworfen und in Situationen gebracht, in denen es schwer war, nicht so viel an sich selbst zu denken. Es war einiges zu schaffen und vieles zu ertragen. Allein gelassen dabei, die Betreuung der Kinder mit dem Home-Office unter einen Hut zu bringen, allein gelassen im eigenen Laden, weil keiner mehr einfach so einkaufen geht, allein gelassen in der Werkshalle, weil keine Aufträge mehr eingehen, allein gelassen im Lieferwagen mit zu vielen Paketen, die die Isolierten nach Hause bestellen, allein gelassen im Krankenhaus mit der drohenden und immer wieder real werdenden Gefahr, allein gelassen im Pflegeheim, weil keiner mehr rein darf. Was mache ich mit mir und alledem? Was macht das mit mir? Wie soll ich das schaffen? Wer da an sich denkt und Vorteile sucht, um die Situation irgendwie zu bewältigen – wer sollte da jemandem einen Vorwurf machen?

Vorwürfe helfen auch nicht dabei, dass es besser wird. Denn wer weiß, was noch auf uns zukommt? Vorwürfe helfen nicht, sondern Lob. Und da hilft es: „Danke, dass ich wunderbar gemacht bin!“ Denn mit diesem Lob ist man nicht allein. Kein Eigenlob, auch wenn der Sprecher sich selbst feiert. Die Erkenntnis spricht daraus, dass er auch in der intensivsten Innenschau nicht mit sich selbst allein ist. Denn gemacht ist er. Da ist jemand, ohne den er nicht wäre. Und da ist jemand, dem ich danken darf für mich selbst. Ich darf danken dafür, dass ich da bin, dass ich so viel leiste, auch wenn es sonst niemand tut oder mich die Liebe meiner Lieben nicht erreichen darf wie sonst. Ich darf für mich danken, weil Gott mich gemacht hat, wunderbar sogar. Ich, ich, ich – danke!

Wer so an sich selbst denkt, denkt ein „Du“ und ein „Wir“ immer gleich mit. Denn da sind ja noch viel mehr Menschen, die so wunderbar gemacht sind wie ich. Danke auch für sie.

Auch das gehört zum Rückblick auf die letzte Zeit und zum Blick in die nahe und doch unsichere Zukunft: allein ist es nicht so wunderbar wie mit all den anderen wunderbar Gemachten um mich herum. Vielleicht hält sich das in der Welt auch in der Zukunft.

Das wird so sein, das muss so sein. Denn der September mit seinem Monatsspruch verweist uns auf einen anderen, der sich auch sehr viel mit sich zu beschäftigen scheint – Gott selbst nämlich. Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat (2. Kor 5, 19a). Gott fühlt sich manchmal auch allein gelassen und es gefällt ihm nicht. Und dann denkt er an sich, der die Nähe der Menschen sucht, und versöhnt die Welt einfach mit sich selbst.

Weil die Welt so von ihm gemacht ist, kann es funktionieren, dass niemand allein ist, auch wenn alle nur an sich selbst denken. Denn zu jedem „Ich“ gehört ein „Du“, ohne das die Welt sich auseinandergerissen anfühlt. In diesem Sinne: denken wir in der nächsten Zeit an uns selbst, damit es uns gut geht, denken so wie Gott, dem es nicht gut geht ohne uns, und entdecken, dass wir alle von ihm wunderbar gemacht sind.

Herzlich grüßt
Pfr. Marcel Borchers  

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